Dr. med. Andreas Hübner
Innere Medizin, Onkologie und Hämatologie
medikamentöse Tumortherapie

Mammakarzinom: Intrinsische Subtypen

Seit gut zwei Jahren ist auf großen und kleinen Kongressen immer häufiger von den intrinsischen Subtypen des Mammakarzinoms die Rede. Dahinter verbirgt sich eine neue, sehr pragmatische Brustkrebs-Einteilung, die für die konkrete Behandlung der einzelnen Patientin sehr wichtig sein kann.

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Das wissen Mediziner schon lange. Wer erfolgreich behandeln will, muss zunächst wissen, welche Eigenschaften ein Tumor hat. Aus diesem Grund prüfen Ärzte im Rahmen der Diagnostik schon seit mehr als 30 Jahren genau, wie groß ein Tumor ist, ob er schon in Lymphknoten oder gar andere Organe gestreut hat und in welchem Ausmaß sich die Tumorzellen sozusagen schon verselbstständigt haben, inwieweit sie sich also von gesunden Körperzellen unterscheiden.

Intrinsisch – aus dem Innersten der Zelle
Die Eigenschaften der Tumorzellen sind auch Grundlage für die neue Einteilung in die sogenannten intrinsischen Subtypen. Intrinsisch bedeutet sinngemäß, dass diese Eigenschaften nicht auf Grundlage des äußeren Erscheinungsbildes einer Zelle beschrieben werden, sondern die Eigenschaften stammen gewissermaßen aus dem Innersten der Zelle selbst, nämlich aus ihrer Erbsubstanz, die im Zellkern in Form der Desoxyribonuklein säure oder kurz DNS „verstaut“ ist.

Die DNS ist der Bauplan der Zelle. Auf unvorstellbar kleinem Raum sind hier Vorschriften für die Synthese aller möglichen chemischen Substanzen in einem bestimmten Code abgespeichert. Das schier Unglaubliche daran: Jede Zelle unseres Körpers enthält sämtliche Bauvorschriften in Form der DNS, obwohl längst nicht alle Pläne in jeder Zelle gebraucht werden. Jede Zelle des Körpers aktiviert in ihrem Zellkern nur diejenigen Pläne, die sie für ihre Aufgaben benötigt.

Eine spezialisierte Zelle in der Magenschleim - haut muss beispielsweise in der Lage sein, viel Säure für die Verdauung zu produzieren. Sie aktiviert deshalb andere Synthesevorschriften als beispielsweise eine Hautzelle, aus der ein Haar wächst. Von ihrer Bauplanausstattung her könnte theoretisch die eine Zelle aber die Funktion der anderen übernehmen. Entscheidend ist letztlich, welche Pläne – oder biologisch ausgedrückt: welche Gene – in der Zelle aktiviert werden.

Brustkrebstypen anhand der Genaktivierung bestimmen
Damit sind wir wieder beim Brustkrebs. Tatsächlich wurde herausgefunden, dass sich anhand der Genaktivierung unterschiedliche Brustkrebstypen identifizieren lassen. Der dazu zu betreibende Aufwand hat fast Sisyphos- Dimensionen, denn immerhin enthält jede menschliche Zelle etwa 20.000 bis 22.000 unterschiedliche Gene.

Allerdings ist es für die Einteilung in die intrinsischen Subtypen nicht (mehr) notwendig, die gesamte Genaustattung einer Zelle zu untersuchen. Es reicht, an den Stellen genauer hinzuschauen, wo mit Unterschieden zu rechnen ist. Mittlerweile sind 50 Schlüsselgene identifiziert, anhand derer die Einteilung möglich ist.

Therapeutische Strategien bei intrinsischen Subtypen

Therapeutische Strategien bei intrinsischen Subtypen

 

Fünf intrinsische Subtypen
Von praktischer Bedeutung für die Brustkrebsbehandlung ist die Einteilung in folgende fünf Typen:

  • Luminal A,
  • Luminal B, der in zwei Varianten vorliegt,
  • HER2,
  • Basal-like oder Basal-ähnlich.

 Luminale Tumorzellen ähneln am meisten den Zellen in der innersten (luminalen) Zellschicht der Milchgänge. Luminale Tumoren sind die häufigsten Mammakarzinome. Lumi nal-A-Karzinome sind die am wenigsten aggressiven Mammakarzinome. Sie tragen an ihrer Außenseite Hormonrezeptoren und sprechen deshalb gut auf eine Antihormontherapie an, beispielsweise mit Tamoxifen.

Luminal-B-Karzinome teilen sich schneller und sind deshalb aggressiver. Bei ihnen reicht eine Behandlung mit Tamoxifen häufig nicht aus, sie werden ergänzend mit einer Chemotherapie behandelt. Der Luminal-B-Typ kann zusätzlich eine andere Klasse von Rezeptoren auf seiner Zellaußenseite tragen, die HER2-Rezeptoren. HER2-positive Luminal-B-Typen werden deshalb zusätzlich mit speziell gegen HER2-Rezeptoren gerichteten Substanzen therapiert, beispielsweise mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab.

Daneben gibt es HER2-positive Mammakarzinome, die nicht dem luminalen Typ zuzuordnen sind. Sie werden mit Chemotherapeutika und mit gegen HER2-Rezeptoren gerichteten Substanzen behandelt.

Basal-ähnliche Mammakarzinome ähneln in Aussehen und Aufbau bestimmten Zellen, die in den tiefen Schichten der Oberhaut liegen und als Reservezellen für abgestorbene Hornhautzellen dienen. Solche Basal-ähnlichen Mammakarzinome tragen zu mehr als 80 Prozent an der Außenseite ihrer Zellen keinerlei Rezeptoren. Sie verfügen also weder über Hormonrezeptoren, genauer: keine Östrogenund keine Progesteronrezeptoren, noch über HER2-Rezeptoren. Sie sind damit dreifach negativ oder, wie Mediziner sagen, tripel - negativ und bieten keine wirklich gezielte Behandlungsmöglichkeit.  Bei diesen Tumoren kommt deshalb ausschließlich die Chemotherapie zum Einsatz.

Individuelle Unterschiede für die Behandlung nutzen
Was bedeutet diese neue Einteilung nun für Sie als Patientin? Dass Brustkrebs nicht gleich Brustkrebs ist, war wie gesagt, schon lange bekannt. Vor allem weil die Untersuchung der zugrundeliegenden genetischen Veränderungen immer einfacher geworden ist, können wir diese Unterschiede für die gezielte Mamma karzinom-Behandlung immer besser nutzen. Konkret heißt das zum Beispiel, dass wir mehr Patientinnen als bisher sagen können, ob sie eine Chemotherapie tatsächlich benötigen oder ob sie durch eine solche übertherapiert wären.

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